Wo gibt’s noch Waldmeister?

Es gibt was zu feiern bei den Moosleutchen in der alten Eiche. Nachwuchs hat sich angekündigt! Bald wird ein Moosling – so nennen sie ihre Babies – den Waldboden durchstoßen und das Licht der Welt erblicken. Das ist eine Freude! Moosinchen und Knorzerich strahlen mit der Sonne um die Wette. Eben erst vor 100 Jahren haben sie Hochzeit gehalten. Moosinchen hat von den Eichhörnchen eine riesige Walnuss-Schale bekommen als Wiege. Diese hat sie hübsch ausgepolstert mit Dauenfedern, die ihr die Waldvögel geschenkt haben. Darüber eine würzig duftende Decke aus jungen Farnblättern. Blaue Ehrenpreis wachsen ringsherum.

Moosinchen sitzt neben dem kleinen Erdhügelchen, wo sicherlich bald der kleine Moosling durchbrechen wird. Sie erzählt ihm von der Sonne und dem Wald, den hohen Fichten und majestätischen Tannen. Von den vielen lusten Piepmätzen, die immer zu Späßen aufgelegt sind und den vielen kleinen Getier – Mäusen und Käfern – die sich schon darauf freuen, mit ihm zu spielen. Sie lässt ihr glockenhelles Stimmchen ertönen in den alten Weisen, die ihr schon ihre Mutter vorgesungen hat.

Knorzerich allerdings hat tiefe Sorgenfalten auf der Stirn. Er hat schon den halben Wald abgesucht – nirgends findet sich auch nur ein Stängelchen Waldmeister. Es ist überall im Wald bekannt, dass ein kleiner Moosling als erste Nahrung unbedingt den Saft aus frischem Waldmeister bekommen muss. Nichts anderes verträgt er! Nur war dieses Jahr der Winter sehr lang und kalt und der Frühling sehr trocken. Kaum, dass es ein oder zwei Tröpfchen geregnet hat. Alle bekannten Stellen hat der gute Knorzerich schon abgesucht. Nichts! Jedes Tier hat er gefragt, keiner hat auch nur ein Blättchen gesehen.

Heute nun schnürt er ein Bündel, küsst sein geliebtes Moosinchen und streichelt zärtlich über das Erdhügelchen. Zur Mutter des Waldes will er. Sie weiß sicherlich Rat. Doch es ist ein weiter, beschwerlicher Weg, wohnt sie doch tief im Herzen des Waldes. Er möchte sein Moosinchen und den Moosling nicht alleine lassen. Aber anders weiß sich der Moosmann nicht mehr zu helfen.

So zieht er los. Das Bündel auf dem Rücken, einen kräftigen Stecken in der Hand. Noch ein letztes Mal schaut er sich um. Moosinchen steht an der Tür und schaut ihm nach. Ganz leise kann er ihre glockenhelle Stimme noch hören: „Viel Glück und komm bald wieder!“ Dann zieht er weiter. Durch Beerengestrüpp, über weiche Teppiche aus Fichtennadeln. Brombeeranken zerren an seinem Bart. Jeden, den er trifft, fragt er nach dem grünen Kraut. Aber ach, niemand hat dieses Jahr schon welchen gesehen. ‚Letztes Jahr, ja das war ein gutes Waldmeister-Jahr. Aber heuer – nein, tut mir leid.‘

Weiter und weiter wandert Knorzerich. Seine Beinchen tun ihm weh, Soviel läuft er sonst ja nicht. Vom Klettern über die vielen Schieferhalden hat er tiefe Kratzer und Schrammen. Sein sonst so stolzer Bart ist ganz zerzaust. Endlich bleibt er schnaufend stehen und schaut sich um. Hat er sich am Ende verlaufen? Silberhell war hier doch sonst die Waldquelle gesprudelt. Dort ist die Tanne, die vor vielen Jahren der Blitz gespalten hat. Suchend blickt Knorzerich sich um. Dort am Fuß der Tanne sieht er die Quelljungfer. Sie schläft in einer kleinen Höhlung. Ganz verdurstet und vertrocknet schaut sie aus. Und da ist auch die Quelle. Nurmehr ein ganz schmales Rinnsal kommt aus dem Fels. Gerade genug, dass Knorzerich sein Taschentuch eintunken und es der Quelljungfer auf die heiße Stirn legen kann. Matt schlägt sie die Augen auf und ein kleines Lächeln lässt ihr Gesicht erstrahlen. Knorzerich taucht sein Taschentuch erneut in das kühle Nass und reicht es der Jungfer. Nein, sie habe auch keinen Waldmeister gesehen. Zu heiß und trocken sei es.

Knorzerich lässt sich noch den Weg zur Waldmutter erklären, dann humpelt er mühevoll weiter. Nur gut, dass der Mond inzwischen aufgegangen ist und so hell scheint. Er kommt gut voran. Jetzt nur nicht fehlgehen. In einer tiefen Mulde sieht er endlich einen Lichtschein. Die Waldmutter steht an der Tür und hält Ausschau nach dem müden Wanderer. Der Stieglitz hat ihr berichtet, dass Knorzerich auf dem Weg zu ihr sei. Seufzend lässt sich der Moosmann vor dem Feuer auf einen Stuhl sinken. Er erzählt der Waldmutter von seiner dringenden Suche. Ein Leuchten geht über das runzelige Gesicht, als sie hört, dass es einen Moosling geben soll. Aber auch sie hat keinen frischen Waldmeister gefunden in diesem Jahr. Und das bisschen, was an trockenen Zweiglein aus dem letzten Jahr noch übrig ist, nutzt Knorzerich nichts. Es muss frischer Waldmeistersaft sein für den Moosling. Was tun? Sie weißt Knorzerich an, sich hinzulegen und auszuruhen. Sie selbst setzt sich von die Türe und lauscht dem Wind, der durch die Bäume streicht. Der Stieglitz hüpft aufgeregt über ihr von Zweig zu Zweig.

„Ich weiß, wo Waldmeister zu finden ist!“, zwitschert er. Die Waldmutter hört ihm gut zu. Ihre Miene verfinstert sich. Das riecht nach Hinterhalt und Gefahr! Sie seufzt tief. Kaum, dass die Sonne aufgegangen ist, ist Knorzerich auf den Beinen. Er muss ganz schnell Waldmeister finden um jeden Preis. Flüsternd erzählt ihm die Waldmutter, was sie vom Stieglitz erfahren hat. Ob er den alten Flößteich kenne? Dort soll es tatsächlich noch von dem Kraut geben, in dichten Büschen wüchse es. Nur leider ist der Flößteich das Reich der Sumpfhexe. Dort kann ihm die Waldmutter nicht beistehen. Die Sumpfhexe mag die Moosleute nicht leiden. Aber auch die Moosleutchen sind nicht gut auf sie zu sprechen. Warum weiß heute niemand mehr.

Dazu kommt, dass die Büsche von den dicken Kröten der Hexe streng bewacht werden. Was tun? Die Hexe wird den Waldmeister sicherlich nicht umsonst hergeben. Wenn überhaupt. Garstig ist sie und gemein. Aber was hilft’s. Knorzerich wird zu der alten Sumpfhexe gehen und sie um ein paar Stängel bitten müssen.

Mit hängendem Kopf schleppt er sich dahin. So merkt er gar nicht, wie sich über ihm dicke Wolken zusammenschieben. Der Wind frischt auf und fegt durch die Baumwipfel. Erst als es merklich dunkler wird, blickt er auf. Ein Gewitter – auch das noch. Moosleutchen mögen sanften Regen, aber ein Gewittersturm ist etwas ganz anderes. So manch einer hat schon schlimme Verletzungen durch Blitz und Hagel hinnehmen müssen und wie oft wurden die Höhlen der Moosleute überschwemmt. Hoffentlich geht es Moosinchen und dem Moosling gut! Ein greller Blitz leuchtet durch die Bäume. Zeit sich einen sicheren Unterstand zu suchen. Dabei ist er schon so nah am alten Flößteich! Da kommt ihm eine Idee. Sie ist riskant – gewiss – aber eine Chance, der alten Muhme zu entgehen. Er huscht von Busch zu Busch. Jetzt nur nicht entdeckt werden!

Am Rande des Flößteiches angekommen, sucht er vorsichtig nach den begehrten grünen Stängeln. Tatsächlich! Dort wachsten sie. Dicht an dicht und ganz mit weißen Blüten gekrönt. der Stieglitz hatte nicht zu viel versprochen. Doch da waren auch die dicken Kröten. Allen voran der alte Quakerick. Eine vorwitzige Libelle kam den Pflanzen zu nahe und rappzapp schnellte die Zunge des Kröterichs heraus und er verschlang sie. Knorzerich schüttelte sich in seinem Versteck. Jetzt hieß es warten. Kaum war der Gedanke zu Ende gedacht, öffnete der Himmel seine Schleusen. Dicke Tropfen prasselten auf alle herab, ab Kröten genau wie auf den armen Knorzerich. Bitz und Donner folgten rasch aufeinander. Das war ein Getöse. Der Wind peitschte über den Teich. Dann begann es zu hageln. Dicke eiskalte Klumpen. Genau darauf hatte Knorzerich gewartet. Selbst der alte und erfahrene Quakerick suchte sich jetzt einen sicheren Unterschlupf und tauchte unter ein breites Seerosenblatt.

Korzerich nahm allen Mut zusammen, flitzte zum Waldmeister und schnitt so viele Stängel ab, wie er nur tragen konnte. Hagel passelte auf ihn ein. Kaum spürte er ihn in seiner Angst. Immer wieder schaute er sich nach dem alten Kröterich um. Schließlich hörte es auf, zu hageln. Doch der Regen war immer noch so dicht, dass er nicht entdeckt werden konnte. Geschwind wie der Wind rannte er zurück zum Waldrand und von dort aus immer weiter, bis zum Haus der Waldmutter. Sie erwartete ihn schon. Der Moosmann sah jämmerlich und stolz zugleich aus. Er hatte seinen Waldmeister! Dass er dafür zerzaust, durchnässt und voller blauer Flecken war – wen störte es schon? Die Waldmutter wisperte ihm leise ins Ohr, während sie die wunden Stellen mit Arnikasalbe einrieb. Sein Mäntelchen, das Wams und die Hosen hatte sie an den Ofen zum Trocknen gehängt, die festen Stiefelchen aus Birkenrinde standen davor (Knorzerich hatte vor der Türe das Wasser aus ihnen herausgekippt). Nach einer kurzen Verschnaufpause zog er seine immer noch klammen Sachen an. Es drängte ihn nach Haus zu kommen, zu seinem Moosinchen und dem Moosling. Hoffentlich hatten die beiden das Unwetter gut überstanden.

Die Waldmutter stieß vor der Tür einen grellen Pfiff aus. Ein Hase kam aus dem Wald heran gehoppelt. Knorzerich stieg auf, den kostbaren Waldmeister gut festhaltend und los ging es im Hasengalopp. Hei, war das schnell! Immer hoppeldihopp. Knorzerich wurde ordentlich durchgeschüttelt. Der Hase kannte jeden Pfad im Wald . So kamen sie schnell zur alten Eiche. Moosinchen stürmte aus der Tür und fiel ihrem Knorzerich um den Hals. Gerade noch rechtzeitig! Der Moosling hatte die Erde durchstoßen und lag quäkend auf der weichen Walderde. Knorzerich ließ es sich nicht nehmen, sogleich einen Stängel Waldmeister zu Saft zu pressen. Moosinchen hob den Kleinen auf, wickelte ihn in warme Tüchlein und wiegte ihn sanft in den Armen. Der stolze Knorzerich gab seinem kleinen Moosling seinen ersten Trunk geben.

Moosinchen kümmerte sich einstweilen um den guten Hasen, brachte ihm frisches süßes Gras. Knorzerich erzählte ihr von seinen Abenteuern und was ihm die Waldmutter am Ende noch zugeraunt hatte. Ihm war wohl bewusst, dass er den Waldmeister nicht ohne zu fragen, hätte nehmen sollen, doch als Bezahlung schickte er der alten Hexe ein großes Fass voll schäumenden Honigbieres, wie es nur die Moosleute brauen können. Die Sumpfhexe hatte nur sehr selten etwas davon ergattern können und nahm die Bezahlung an.

Wie wird der kleine Moosling heißen? Habt ihr eine Idee?

 

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